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Die Geschichte vom „PLING“

Diese wunderbare Geschichte hat ein achtjähriges Kind mit mir in einer Beratung entwickelt. Ein Kind, das extrem streng war mit sich selber. Und dann gab es da noch spezielle Sachen wie zum Beispiel bestimmte Lieder oder Farben, die waren ihm äussert peinlich. Häufig bekam es zu hören: „Hab Dich nicht so, das ist doch nicht so schlimm!“ Aber diese Leute haben nicht verstanden: für das Kind waren solche Peinlichkeiten mit grosser Scham verbunden und kaum auszuhalten. Dazu ist gut zu wissen, dass Scham und Peinlichkeit im Gehirn am gleichen Ort gefühlt werden wie körperlicher Schmerz.

Schwierig war es auch, wenn es laut zuging oder komisch roch.

Du kannst Dir also vorstellen, dass das Leben für dieses Kind zum Beispiel in der Schule immer anstrengender wurde. Es war schon auch immer wieder schön, aber der Stress nahm trotzdem stetig zu. Und wie ist es, wenn man gestresst ist? Genau: man ist schneller genervt und wütend und auch kleinere Sachen werden plötzlich noch schwieriger als sonst. In dieser Zeit haben wir uns zum ersten Mal getroffen.

Wir haben uns dann gemeinsam überlegt, wie das wäre, wenn man sich vorstellt, dass all die Sachen, die das Kind macht, wenn es wütend ist oder sich schämt – und die es nachher meistens selber blöde findet von sich– eine Art Verteidigung wären? Wie, wenn es in jedem Menschen etwas gäbe – im Innersten – das sehr kostbar und verletzlich ist und gut beschützt werden muss? Zum Beispiel vor Peinlichkeiten? Oder vor Lärm? Wir haben mal die Augen zugemacht und im Kopfkino geschaut, wie so ein Innerstes aussehen könnte. Welche Farbe, welche Form es haben könnte. Und wie man so einen „Wesenskern“ nennen könnte? Das Kind entwickelte rasch eine recht klare Vorstellung davon und hatte für den Namen eine grandiose Idee: Es nannte es sein „PLING“! Es war auch absolut einleuchtend, dass das „PLING“ offenbar sehr kostbar und fein ist, wenn es so stark verteidigt werden muss. Und umgekehrt auch logisch: Da lässt man sich zur Verteidigung auch so einiges einfallen!

Wie würde das „PLING“ wohl aussehen, wenn man es zeichnet? Und angenommen, es gäbe etwas wie „Verteidigungslinien“, „Wächterkreise“, wie würden die das „PLING“ schützen, wie würde dies dann aussehen? Welche Sorgen und Schwierigkeiten dringen wie weit? Was passiert dann mit dem „PLING“? Und wie kann man es selbst, aber auch seine Wächter stärken?

Entstanden ist ein richtiges Kunstwerk:

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Freude stärkt offenbar das „PLING“, dann leuchtet es heller. Wenn es ultrafröhlich ist, schwillt es auf die doppelte Grösse an und leuchtet orange. Wut und Traurigkeit schwächen es. Diese Gefühle schüchtern das „PLING“ ein, dann wird es kleiner und dunkler. Wenn es ultratraurig ist, dann schrumpft es und leuchtet nur noch ganz wenig oder gar nicht mehr. Gut zu wissen, dass es trotzdem immer da ist! Freude macht zum Beispiel: Wenn andere froh und glücklich sind und man das sieht und spürt, Musik machen, mit einem anderen Kind spielen, Schwimmen (nicht in der Schule), ein Sonnenuntergang etc. Das kann man sich auch vorstellen, wie ein Stärkungs-Zaubertrank: Zutat Musik + Zutat Spiel = helleres "PLING".
 

Was stärkt Wächterringe? Schlaf, Gesundheit, auch Freude, Schokolade essen, Denken: „das ist nicht schlimm, deswegen geht die Welt nicht unter“ oder an etwas Schönes denken. Kann man sich diese Zaubertränke auch selber machen, sich einfach mal vorstellen, dass diese gerade zu wirken beginnen? „Kann man“, sagt das Kind, "wenn man weiss wie. Dann kann man sogar richtig spüren, wie das ist, wenn sie wirken."

Und so haben wir immer wieder geschaut: wie hell leuchtet das „PLING“ heute, und was macht es aus? Was hat seit dem letzten Mal das „PLING“ gestärkt, was die Wächter? Wie und wo im Körper war und ist dies spürbar? Was hat es geschwächt? Wie waren die Übergänge, insbesondere natürlich zu einem wieder helleren „PLING“?

Und nach einiger Zeit fand das Kind dann: "Das ist doch kindisch, mit diesem „PLING“. Das gibt’s doch gar nicht, alles nur Fantasie!"

Nun. Dieser Ansicht kann man natürlich sein; da ist jede und jeder frei zu glauben, was er oder sie will. Oder was hilft. Selber frage ich mich seither aber schon immer wieder: Wie geht’s eigentlich meinem „PLING“?

 

 

(Anmerkungen:

Die Intervention wurde frei gestaltet nach Input und Vorlage der Dozentin Hiltrud Bierbaum-Luttermann während der Weiterbildung am M.E.G Rottweil.

Ich wurde öfters gefragt, warum sich das Kind von dieser Geschichte abwendete. Meine Interpretation: Aufgrund der eingetretenen Entspannung wollte das Kind die schwierige Zeit erstmal hinter sich lassen und ein neues Kapitel beginnen. Hierfür grenzte es sich sehr klar ab gegenüber verschiedenen Aspekten, die mit der Krisenzeit eng verbunden waren. Unter anderem auch gegenüber der Geschichte mit dem Pling…)

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